Brillante Mendoza zu Gast im Arsenal
Kurz vor Beginn der Berlinale steigt doch tatsächlich noch eine spannende Filmreihe im Berliner Kino ‘Arsenal’:
Brillante Mendoza hält sich u.a. anlässlich eines Workshops für die Studierenden der dffb in Berlin auf. Das Arsenal nimmt dies zum Anlass, im Rahmen einer kleinen Werkschau vom 6.-11. Februar sieben der neun Langfilme des philippinischen Regisseurs mit, das mag für die eine und den anderen etwas enttäuschend sein, englischen bzw. französischen Untertiteln aufzuführen.
Brillante Mendoza (*1960) ist neben Lav Diaz einer der vielleicht interessantesten Protagonisten des unabhängigen philippinischen Gegenwartskinos. Mit seiner ersten Filmproduktion ‘Masahista’ (Masseur, 2005), einem in acht Tagen für den Homevideomarkt produzierten Film über einen Masseur bzw. Sexarbeiter in einem Massagesalon für Männer in Manila, gewann er wider Erwarten den Wettbewerb in Locarno 2005 und wurde innerhalb eines halben Jahrzehnts zum international wohl erfolgreichsten ‘Auteur’ der Philippinen. Sein vorletzter Film ‘Kinatay’ (ungefähr ‘Abschlachten’), ein Film über einen jungen Polizeischüler und Gelegenheitszuhälter, einen Mord an einer Sexarbeiterin, Komplizenschaft und die alltäglich gewaltförmigen Verhältnisse auf den Strassen Manilas, löste letztes Jahr in Cannes heftige Kontroversen aus. Während der amerikanische Kritiker Roger Ebert, sicher nicht das Maß aller Dinge, ‘Kinatay’ zum “worst film in the history of the Cannes Film Festival” erklärte, war der Film der Internationalen Jury den Preis für die beste Regie wert. Näheres u.a. hier.
Mendozas Filme – wir kennen (und schätzen) leider nur Tirador – sind vielleicht beschreibbar als mit hektischen Kamerabewegungen gefilmte neorealistische Porträts von Räumen, Lebenswelten, (fragmentarischen) Biographien und (nicht wirklich existierenden) Lebensperspektiven marginaler, marginalisierter oder minoritärer Akteure, die in einer korrumpierten, gewalthaften und politisch bestenfalls elendsverwalteten Gesellschaft um ihre Würde und ihr Überleben kämpfen. Als solche bieten sie interessante Beschreibungen der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse auf der postdiktatorischen südostasiatischen Inselgruppe im Meer des entfesselten Neoliberalismus.
Besonders hervorzuheben sind an diesem Ort wahrscheinlich die drei aktuellsten Filme Mendozas, die gleich zu Beginn der Reihe gezeigt werden. Hier kurz die Termine und small die Beschreibungen aus dem Programm des Arsenal:
6.2.,20.00 SERBIS (Service, 2008, 90 min., OmE und in Anwesenheit von Brillante Mendoza, Trailer)
“Ein altes, heruntergekommenes Kino ist der eigentliche Protagonist von Serbis. Die weit verzweigte Pineda-Familie lebt gemeinsam im und vom Kino mit dem Namen “Family”, das vor allem schwulen Männern als gefahrloser Ort für unverbindlichen Sex dient, während auf der Leinwand Pornos laufen. Die Alltagsdramen der Familienmitglieder verweben sich mit denen im Kinosaal und scheinen den Zerfall auf einer privaten Ebene zu wiederholen: Die Matriarchin Nanay Flor muss wegen eines Rechtsstreits mit ihrem Ex-Mann vor Gericht, Nadya schwankt zwischen ehelicher Treue und ihrer Zuneigung zu einem anderen Mann und Alan hat Probleme mit einem Hautausschlag und seiner schwangeren Freundin. Nichts bleibt bei den Pinedas vor den anderen verborgen. Stets mit anwesend ist der Lärm der Straße als beständiges Hintergrundrauschen.”
7.2.,19.00 TIRADOR (Slingshot, 2007, 86 min., OmE, Trailer)
“Der Schauplatz von Tirador ist ein Slum von Manila. Mitten ins chaotische Getümmel von beengten Gassen, schäbigen Wohnungen und einer behelfsmäßigen Infrastruktur wirft sich die nervöse Kamera, die die permanente Anspannung der Bewohner in atemlose Bewegung überträgt. Kleine Betrügereien, Diebstähle und Drogenhandel sind die Überlebensstrategien, Möglichkeiten, aus der Armut auszubrechen, gibt es so gut wie keine. Bestimmt ist das Leben von Hektik und Enge, eine latente Aggressivität, die sich beim kleinsten Anlass gewalttätig entladen kann, schwebt über allem. Daneben ist der Wahlkampf für die landesweiten Wahlen 2007 allgegenwärtig: Stimmenkauf, politische Willkür und Korruption bilden den Hintergrund zur Armut im Slum.”
7.2., 21.00 KINATAY (2009, 105 min., OmE, Trailer)
“Kinatay war beim letzten Festival in Cannes aufgrund der Darstellung von Gewalt einer der umstrittensten und kontrovers diskutierten Filme. Der 20-jährige Polizeischüler Peping … verdingt sich nebenbei als Geldeintreiber, um seine junge Familie zu ernähren. Als er eines Tages zu einem Spezialauftrag mitgenommen wird, verändern sich die sorglose Stimmungslage und das helle Tageslicht des Films schlagartig. Die Reise führt nun in die Nacht und in die Abgründe der philippinischen Gesellschaft, in der Korruption und Gewalt herrschen. Für Peping bedeutet die unvorstellbare Grausamkeit den Verlust seiner Unschuld.”
Desweiteren sind noch zu sehen:
8.2., 20.00 MASAHISTA (The Masseur, 2005, 80 min., OmE)
9.2., 20.00 KALELDO (Summer Heat, 2006, 90 min., OmE)
10.2., 20.00 MANORO (The Teacher, 2006, 75 min., OmE)
11.2., 20.00 FOSTER CHILD (2007, 98 min., OmFrz)
Details entnehmt bitte dem einleitend verlinkten Arsenal-Programm.
So weit der Überblick. Wir denken, die Filme werden so schnell nicht wieder zu sehen sein, weshalb sich dieser recht ausführliche Hinweis vielleicht lohnen könnte.
Wobei sich übrigens auch auf dieser Ebene etwas tut: Peccadillo Pictures, ein auf schwullesbisches Kino spezialisierter britischer Vertrieb, der bereits ‘Masahista’ auf DVD veröffentlicht hat, wird ‘Tirador’ voraussichtlich im Herbst dieses Jahres in Kooperation mit einer noch nicht näher bekannten humanitären Organisation zunächst als Video-on-Demand zugänglich machen; über weitere Veröffentlichungsformen wird noch nachgedacht.
PS: Hier ist ein allerdings nur sehr bedingt interessantes, zweiteiliges Arte-Feature über das zeitgenössische philippinische Kino von 2008 zu finden.
Stills aus Tirador courtesy of Peccadillo Pictures



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