Caterpillar: Koji Wakamatsu im Wettbewerb der Berlinale
Die Berlinale soll hier eigentlich nicht groß Thema werden, aber es sei doch kurz darauf hingewiesen, dass Koji Wakamatsus neuer Film “Caterpillar” im Wettbewerb läuft!
Wakamatsu (*1936) ist mit Sicherheit einer der interessantesten Regisseure, die im Umfeld der japanischen Neuen Linken der 1950/70er Jahre Filme produzierten. Auf Um- und Abwegen ins Filmgeschäft gekommen, drehte er in den 60er Jahren radikale “pinku eiga” bzw. “pink movies”, d.h. i.d.R. unabhängig produzierte Low-Budget-Filme, die (nach damaliger Auffassung) Arthaus mit pornographischen Elementen und Gewalt verbanden und – v.a. im Falle Wakamatsus – nicht selten politische Themen aus linksradikaler Sicht verhandelten. Einige dieser Filme wie “Secrets behind the Wall” waren bereits 2008 im Rahmen einer leider recht kleinen Forum-Retrospektive zu sehen. Einen knappen, aber ganz guten Überblick (mitsamt kurzen Clips!) über Wakamatsus im Kontext der japanischen Studentenbewegung in den 1960/70er Jahren produzierte Filme gibt “Pink Cinema Revolution. Radical Films of Koji Wakamatsu”.
Leider sind Wakamatsus Filme, so man nicht über Japanischkenntnisse verfügt und somit zu den nicht untertitelten japanischen DVDs greifen kann, so gut wie nicht zugänglich. Neben Torrents mit von Fans generierten Untertitelspuren wurden bisher nur zwei Filme mit englischen Untertiteln von dem amerikanischen Label Image Entertainment im Jahr 2003 veröffentlicht, nämlich “Yuke, yuke nidome no shojo” (Go, Go Second Time Virgin, 1969) sowie die ATG-Produktion “Tenshi no kokotsu” (Ecstasy of the Angels, 1972), ein hochinteressanter, allerdings ein gewisses Maß an Kenntnissen über die Entwicklung von ‘New Left’ und ‘Urban Guerilla’ in Japan voraussetzender Film über Entwicklung und Krise der japanischen Stadtguerilla-Organisationen zu Beginn der 70er Jahre. Beide DVDs sind vergriffen, die erstere findet man noch in der Berliner AGB, die zweite ist ziemlich schlapp, da die Szenen teilweise in falscher Reihenfolge montiert wurden.
Auf Ubuweb ist zudem “Sekigun-PFLP: Sekai Senso Sengen (The Red Army/PFLP: Declaration of World War)”, ein von der exiljapanischen URA sowie der PFLP mitverantworteter Agitprop-Film über den palästinensischen Guerillakampf mit englischen Untertiteln zu finden, den Wakamatsu gemeinsam mit Masao Adachi Anfang der 70er Jahre drehte.
Abhilfe ist momentan nur für Leute in Sicht, die auch französische Untertitel in Kauf zu nehmen bereit sind: Blaq out, ein französisches Label, hat 2009 mit der Veröffentlichung von 14 Filmen von Wakamatsu begonnen. Bereits erschienen sind “Secrets behind the wall” (1965), “The Embryo Hunts in Secret” (1966), “Violated Angels” (1967), “Go Go Second Time Virgin” (1969) sowie “United Red Army” (2008, Trailer), Wakamatsus vielleicht ästhetisch nicht umwerfende, aber insgesamt doch wirklich äußerst interessante und unbedingt sehenswerte filmische Auseinandersetzung mit der Geschichte der japanischen Studentenbewegung im allgemeinen sowie mit Entwicklung und Zusammenbruch der “URA”, einer japanischen Stadtguerilla-Organisation Anfang der 70er Jahre im besonderen. Die von Blaq out veröffentlichten Filme kann man übrigens auch für 5 Euro als Video-on-Demand mit englischen Untertiteln sehen, aber, naja …
Aber wieder zurück zum Ausgangspunkt: Über “Caterpillar” selbst, so heisst der Wettbewerbsfilm, ist bislang noch nicht allzu viel bekannt geworden. Es handelt sich offensichtlich um die Verfilmung einer Kurzgeschichte des japanischen Schriftstellers Edogawa Rampo aus dem Jahre 1929, die allerdings in die Zeit des 2. Weltkriegs transponiert wurde. Erzählt wird von einem japanischen Soldaten, der ohne Armen und Beinen aus dem japanisch besetzen bzw. kolonisierten China zurückkehrt und nunmehr seiner Frau auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist … Hier findet ihr einen internationalen Trailer.
Wir denken, dass könnte einer der interessanteren Wettbewerbsfilme dieses Jahres sein. Und das trotz dieser wirklich betrüblichen Geschichte: Blaq Out, also das eben erwähnte französische Label, hat doch tatsächlich mit Wakamatsu eine ziemlich absurde ‘Anti-Piracy Warning’ produziert. Arrgh … Es ist einerseits unfassbar, auf was für Ideen diese Medienunternehmen immer wieder kommen, andererseits aber auch, wozu Wakamatsu sich da hergibt. Aber seht selbst, hier geht’s zum Clip. Oh oh …
Übrigens, wir raten von den diversen wirklich wenig überzeugenden Texten und Büchern von Claudia Derichs definitiv ab. Wenn ihr was über die japanische ‘Neue Linke’ lesen wollt, dann greift nach Möglichkeit zu amerikanischen Texten.

Inzwischen gibt es erste Rezensionen, die meine insgeheime Befüchtung, der Film könnte missraten sein, glücklicherweise nicht bestätigen. Hier findet ihr eine Besprechung von Ekkehard Knörer.
Hier noch schnell ein Paar Links zu aktuellen Veröffentlichungen zum Film, als da wären ein in manchen Punkten wie bspw. der Achsenmacht und Stadtguerilla-These etwas fragwürdiges Interview von Christina Nord in der taz sowie eine bedenklich positive Besprechung in der Faz.
[...] Caterpillar: Koji Wakamatsu im Wettbewerb der Berlinale | cinepolitics – film und soziale kaem… Wakamatsu (*1936) ist mit Sicherheit einer der interessantesten Regisseure, die im Umfeld der japanischen Neuen Linken der 1950/70er Jahre Filme produzierten. Auf Um- und Abwegen ins Filmgeschäft gekommen, drehte er in den 60er Jahren radikale “pinku eiga” bzw. “pink movies”, d.h. i.d.R. unabhängig produzierte Low-Budget-Filme, die (nach damaliger Auffassung) Arthaus mit pornographischen Elementen und Gewalt verbanden und – v.a. im Falle Wakamatsus – nicht selten politische Themen aus linksradikaler Sicht verhandelten. (tags: japan pinku berlinale film) [...]